Monday, November 9, 2009

Aus der Sicht eines Radfahrers

ITALIENISCHER RAD-CHAMPION ERLEBT BERLIN HINTER DER MAUER

Berlin, 24.Okt. - Gianni Motta, in den sechziger Jahren einer der international
erfolgreichsten italienischen Radprofis, kam dieser Tage nach Berlin und
eroberte so rasant, wie er 1966 seinen größten Triumph errang: den Sieg im
Giro d´Italia, nach der Tour de France das schwerste Radrennen der Welt.



Der blonde Italiener mit den blauen Augen hatte unmögliches vor in Berlin.
Nur einen kurzen Vormittag wollte er bleiben, Geschäftliches regeln mit
Kunden in Moabit. Denn seit er 1972 das Rad mit 29 Jahren wegen einer
Sturzverletzung an den berühmten Nagel hängte, versorgt er die Radsportler
in aller Welt mit eleganten und exklusiven Rennrädern aus seiner eigenen
Werkstatt.



Aus der "Stippvisite" wurde nichts. Ein nächtlicher Blick über die Mauer am
Potsdamer Platz hatte den einstigen Mannschaftskameraden von Rudi Altig
neugierig gemacht auf das Berlin hinter der Mauer. Am nächsten Tag geht
es nach Ost-Berlin.

Gleich nach der Kontrolle am Checkpoint Charlie schluckt der einstige
Radstar, der schon viel gesehen hat auf dieser Welt: vor einem Auto-Zubehör-
geschäft, dort wo die Straße mit dem beziehungsreichen Namen Mauerstraße
sich mit der Leipziger Straße kreuzt, staut sich eine Käuferschlange vor der
Ladentür - ein unbekanntes Bild für handelsfreudige Italiener.

"Doch", so Motta, "irgendetwas stimmt hier nicht. Bei aller Pracht ist das
Stadtbild überzogen von einem Schleier der Traurigkeit. Und das kann nicht
nur am trüben Wetter liegen."



Motta ist sich mit dem ihn begleitenden Freund aus seinem Heimatort einig:
"Es sind die Kleidung ohne jeglichen Farbtupfer und die ernsten Gesichter der
Menschen, die das traurige Bild hervorrufen. "Lachen denn hier nicht einmal
junge Mädchen", fragen die temperamentvollen Südländer.

Der Berliner Freund nimmt die ursprüngliche Reaktion der beiden mit leichter
Gänsehaut zur Kenntnis. Schließlich werden diese Art Urteile von der SED seit
jeher als böswillige antikommunistische Vorurteile eingestuft. Doch die beiden
Männer aus der Nähe von Mailand sind davon unbeleckt. "Man kümmert sich
wenig bei uns zu Hause um die Probleme des geteilten Deutschlands und
Berlins",
gestehen sie kleinlaut.
Und überall Schlangen. An Eisständen, in der neu erbauten Markthalle am Alex,
vor Schuhgeschäften und vor Obstständen mit tischtennisballgroßen Äpfeln.
Ganz besonders lang die Käuferschlange vor einem sogenannten Delikatladen.
"Ob dieses Geschäft extra preiswert ist", wollen die Gäste wissen. Im Gegenteil.
Die Lebensmittel haben Exportqualität. Ein tiefer Griff ins Portemonnaie ist
hier selbstverständlich.


Gerne würde Motta ein Foto machen. Doch er hat Skrupel, die Wartenden zu
beschämen. Verstohlen postiert er seine Begleiter in die Nähe der Schlange.
Fast schon zu weit entfernt, schießt er sein Erinnerungsfoto vor beklemmender
Kulisse.
Weiter draußen kommt er aus dem Staunen nicht heraus. Prenzlauer Berg,
Weißensee, Pankow, die funzelige Straßenbeleuchtung, die bröckelnden
Fassaden
- alles erinnert ihn an das ärmste Neapel. "Nur ohne Sonne, und
diese Manko
wiegt schwer."
Kaum fällt der Schlagbaum hinter ihm am Checkpoint Charlie, sprudelt er
hervor: "Eine ganz andere Luft ist das hier." Auch wenn die Fahrt durch
Kreuzberg geht, wo es am türkischsten ist und Hausbesetzer ihre Handschrift
hinterlassen haben.



Artikel erschienen am 24. Oktober 1982 in der Berliner Morgenpost
(Axel Springer Verlag). Copyright Adriano Coco.


Fotos vom Berlin-Besuch des Giro-Siegers Gianni Motta sind leider
nicht mehr vorhanden.